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Zur Sache

Ist Unfähigkeit Betrug?

Da setzt sich jemand in seinem Studium Jahre  hin, recherchiert, forscht, schreibt, diskutiert mit seinem Professor und im Kolleginnenkreis, verändert, verifiziert - und gibt sie endlich ab: die Doktorarbeit. Nach der Abgabe und dem Vortrag seiner wissenschaftlichen Arbeit vor dem Universitätsgremium wird ihm das Führen des Doktortitels zugesprochen. Endlich das erhoffte Ergebnis jahrelangen Mühens - von den finanziellen Einschränkungen ganz zu schweigen.

Und dann passierts: Man findet Fehler in der Arbeit, falsche Angaben, fremde Anteile und fehlende Zitate. Alles das, was man in gutem Glauben als seine Arbeit vorgelegt hat, wird auf einen Schlag öffentlich auch noch als Betrug dargestellt. Als hätte man mit Arglist die prüfende Universität hinters Licht geführt.

Die Universität setzt eine erneute Prüfung an. Sie muss sich, weil sie Fehler nicht entdeckt hat, der leichtsinnigen Vergabe von Doktortiteln vorwerfen lassen. Sie wird sogar verdächtigt, mit dem Verfasser der Doktorarbeit gemeinsame Sache gemacht zu haben. Dabei waren die Prüfer guten Gewissens von einem ordentlichem  Prüfungsergebnis überzeugt.

Wenn ein Handwerksmeister eine fehlerhafte Arbeit abliefert, ist er dann ein Betrüger? Ich denke nein, man kann ihm höchstens Unfähigkeit vorwerfen. Und wenn jemand auf einem Gebiet nicht fähig ist, disqualifiziert ihn das in anderen Bereichen? Ist ein in der Fahrprüfung Durchgefallener als Lehrer nicht geeignet?

Was momentan in der öffentlichen Darstellung hinsichtlich der Bewertung von Menschen alles in einen Topf geworfen wird, ist erschreckend. Da werden Maßstäbe in Bereichen gesetzt, die miteinander überhaupt nichts zu tun haben. Wer nicht Autofahren kann, darf keine Brötchen verkaufen. Wer seinen Doktortitel nachträglich aberkannt bekommt, kann keine gute Politikerin sein.

So könnte man denken, aber:

Alle Studierenden haben eine genaue Einweisung und schriftliche Einführungen erhalten, welche Regeln bei der wissenschaftlichen Arbeit einzuhalten sind. Sie haben sich diesem Kodex verpflichtet und mit der Abgabe ihrer Arbeit per Unterschrift bestätigt, diese Verpflichtungen eingehalten zu haben.

Die Prüfung durch die Universität kann nur in einem gewissen Rahmen erfolgen. Man könnte auch meinen, sie sei ziemlich oberflächlich. Angesichts der Flut von wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit einer jährlichen Steigerung um 8%, einer Verdoppelung der Zahl alle 10 Jahre und einer prognostizierten Gesamtzahl von über 2 Mio für 2015 (SPIEGEL Wissenschaft 12.3.2015) wird schnell klar, dass eine lückenlose Überprüfung der Doktorarbeiten nicht zu leisten ist. Die PrüferInnen müssen also darauf vertrauen,  dass die Angaben zur Arbeit wahrheitsgemäß verfasst sind und die eigene Leistung und zitiertes Wissen klar ausgewiesen werden. Insofern ist also diese Zusicherung eine Vertrauenssache, die bei Missbrauch entsprechend schwer eingestuft und abgestraft wird.

Wie werden solche Vertrauensbrüche später entdeckt? Nun, es gibt Lektorate, die man beauftragen kann, Arbeiten gesondert zu untersuchen. Da deren aufwändige Arbeit entsprechend kostenintensiv ist (so werden z.B. Stundenlöhne von 180 € und 7€ pro durchgesehener Normseite verlangt), können eigentlich nur Organisationen, Parteien oder sehr solvente Privatpersonen diese Überprüfung bezahlen. Sollte das Gutachten Regelverstöße feststellen, werden i.d.R. Presse und Universität informiert mit der Konsequenz, die Arbeit erneut überprüfen zu lassen. Für eine Universität steht ihr Ruf der Professionalität auf dem Spiel und sie hat kaum Möglichkeiten, den Vertrauensbruch zu entkräften. Warum in manchen Fällen eine Universität zu wiederholter Verifizierung gedrängt wird, ist schwer zu verstehen. Doch möchte ich nochmals an die Flut der Veröffentlichungen erinnern, der niemand gewachsen ist.

Nach diesen Überlegungen komme ich zu dem Ergebnis, dass im Falle eines Vertrauensmissbrauchs eine Tätigkeit in Bereichen, die Glaubwürdigkeit als Basis voraussetzt, nicht erfolgen darf. Andererseits ist eine Reform der Prüfungsvorgaben nötig, um  den heutigen Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens  zu entsprechen.

 Wulfhard Matzick

 
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